Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

Februar 2026

Wasserkessel, ca. 1961

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Größe

Ca. 21,5 x 22 x 24,3 cm

Material

Metall, Kunststoff

Schenkung

Gerda Brandt

„Dann fing das Leben neu an“: Ein Wasserkessel erinnert Gerda Brandt an die Nacht im Februar 1962, in der sie die Sturmflut in Hamburg überlebt.

Historische Einordnung

In der Nacht auf den 17. Februar 1962 trifft eine schwere Sturmflut die Nordseeküste. In Hamburg brechen die Deiche und die Elbe überflutet rund ein Sechstel der Stadt: Eine der schwersten Flutkatastrophen der Stadtgeschichte. Über 20.000 Menschen müssen ihr Zuhause verlassen, 315 sterben allein in Hamburg.

Kurzbiographie

Gerda Brandt wird 1930 in Hamburg geboren. Sie wächst auf der Veddel auf, einem Arbeiterviertel. 1943 verliert die Familie ihre Wohnung durch einen Luftangriff und zieht in ihren Schrebergarten auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Wie auch andere Familien bauen sie ihre Sommerlaube zu einem winterfesten Behelfsheim um, weil im bombenzerstörten Hamburg der Wohnraum knapp ist. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lernt sie in der Kleingartenkolonie ihren späteren Ehemann kennen. Die beiden heiraten 1947. Im Jahr darauf kommt Sohn Fred zur Welt. Die junge Familie bezieht einen Anbau im Behelfsheim der Schwiegereltern. Mit Steinen aus Trümmern von der Veddel bauen sie noch einen Raum an. Im Juni 1961 wird Tochter Bärbel geboren, die noch in dem Häuschen mit Garten aufwachsen soll, bevor die Familie eine neue Wohnung suchen will. Sie richten sich also häuslich ein und bestellen ein neues Schlafzimmer nach Maß.

Doch mitten im Umbau kommt 1962 die Flut. In dem Kleingartengebiet in Wilhelmsburg, das wie in einer Schüssel zwischen zwei Deichen liegt, steigt das Wasser. Die Menschen werden im Schlaf von der Katastrophe überrascht. Familie Brandt wird gegen 2 Uhr von Gerdas Eltern geweckt, bei denen die Flut schon früher ankommt. Dann heißt es: „Los, alle anziehen, raus aufs Dach!“ Die Gruppe von acht Menschen harrt mit dem Kinderwagen im kalten Sturm aus. Sie müssen erleben, wie im Nachbarhaus Gerdas Tante, von der sie dachten, sie sei nicht zu Hause, ertrinkt, ohne ihr helfen zu können. „Und wir hatten eigentlich auch mit unserem Leben abgeschlossen“, erinnert sich Gerda Brandt. Doch das Wasser bleibt stehen und als es hell wird, werden sie mit einem Boot auf den Deich gebracht. Nach erster Aufnahme bei einer Freundin sollen die Betroffenen am Hamburger Michel „registriert“ werden. Bei Gerda Brandt weckt das Vorgehen Erinnerungen an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg. Sie verweigert die Registrierung, da sie außerdem befürchtet, in ein „Obdachlosenlager“ zu kommen. Bald baut sich die Familie ihr Leben neu auf und bezieht eine Wohnung im vierten Stock in Altona. Eine Parterre-Wohnung wäre nach der Hochwasser-Erfahrung nicht in Frage gekommen.

Als Zeitzeugin berichtet Gerda Brandt 2005 in einem Fernsehfilm über das Erlebte und arbeitet es so für sich selbst auf.

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Bedeutung des Objekts

Der Kessel verbindet die Zeit vor und nach der Flut. Er durchläuft vielfältige Bedeutungswandel: Gerda Brandt kauft ihn für ihren neuen Hausstand im März oder April 1961 kurz vor der Geburt ihrer Tochter. Sie sieht den silbern glänzenden Kessel und „verliebt sich“ in sein ausgefallenes Design. 50 Mark kostet er: Fast ein Wochenlohn. Bereits ein Jahr später gehört der Kessel zu den Dingen, die in dem gefluteten Haus ungeordnet im schlammigen Wasser schwimmen. Einiges können die Brandts in den neuen Alltag hinüberretten, etwa die gerade erst angeschafften Elektrogeräte, welche die Hersteller unentgeltlich reparieren. Den Kessel benutzt sie seit 1969 in ihrem neuen Kleingarten, bis sie ihn nach vierzig Jahren als Erinnerungsstück dem Deutschen Auswandererhaus übergibt.

Sturmfluten beeinflussen das Leben an der Nordseeküste schon immer. Nicht immer haben die Deiche die Menschen geschützt. Durch den menschengemachten Klimawandel und dem damit einhergehenden Anstieg des Meeresspiegels werden Wasserstände zukünftig höher steigen. Weltweit müssen Menschen Strategien finden: Gibt es ausreichende Mittel, um noch höhere Deiche zu bauen? Ab wann kommt die Migration in eine sicherere Umgebung in Frage? Viele migrieren angesichts von Umweltkatastrophen im Nahbereich, wie auch die Brandts, die innerhalb Hamburgs einen neuen Ort zum Leben finden.

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0

oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de

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